Europäisches Damwild


Ursprung und Verbreitung

Die Haltung vom Damwild in Gehege ist seit Jahrtausenden bekannt. Das Europäische Damwild (dama dama dama) war ursprünglich in Kleinasien, Südeuropa und möglicherweise auch in Nordafrika beheimatet. Phönizier und später die Römer führten und verbreiteten den Europäischen Damhirsch in vielen Ländern des Mittelmeerraums. Bis ins Mittelalter wurde Damwild in Europa in Tiergehegen und Parklandschaften nur als Jagdwild gehalten und damit es durch seinen Anblick die Augen des Besitzers erfreuen kann. Erst im 1. Jahrhundert wurde das Damwild in Europa bei der Haltung in Wildgehegen als Fleischlieferant genannt. Urkunden aus dem 11. und 12. Jahrhundert erwähnen Damwild in England, Dänemark und Ungar und im

16. Jahrhundert im Elsass. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich das Damwild in ganz Europa, der Damhirsch wurde in großen Gehegen und Tiergärten gehalten und nahm wegen seines Ansehens, seiner Nutzbarkeit und seiner Anpassungsfähigkeit die zweite Stelle in der Rangordnung unserer Jagdtiere ein.

                                                                                                         

Anfang der 1970er Jahre begann in Deutschland die Suche nach einer geeigneten Wildart als Alternative zur landwirtschaftlichen Produktion mit traditionellen Haustieren wie Rind, Schaf, Ziege, Pferd. Seit 1971 wird Damwild in Gehegen für die Zucht und Fleischproduktion zur Nutzung von Grün- und Brachland gehalten. Nach kritischer Wertung vorhandener Ergebnisse aus der Literatur und zahlreichen Wildgehegen im In- und Ausland sowie unter Berücksichtigung der Standortverhältnisse in Deutschland, ergaben sich Vorteile nur für Dam- und Rotwild. Die Entscheidung zwischen Dam- und Rotwild konnte erst anhand der Auswägung zahlreicher Faktoren getroffen werden. Bessere Gewöhnung an den Menschen, Eignung zu gräserreichem Futter, gute Futterverwertung, bessere Fleischqualität, hervorragendes Abäsen von Flächen, Eignung niedriger Zäune und schließlich die erwiesene Fähigkeit, dass hohe Tierzahlen ohne Nachteile auf einer Fläche leben können, ließen die Entscheidung zugunsten des Damwildes fallen.

 

Systematik

Das Damwild gehört innerhalb der Familie der Hirsche (Cervidae) zur Unterfamilie der Echthirsche (Cervinae). Heute kommen zwei Arten vor: das Europäische Damwild (Dama dama) und das Mesopotamische Damwild (Dama mesopotamica).

 

Farbe

Von allen Hirscharten weist das Europäische Damwild die größten Farbvarianten auf. Die Deckenfärbung reicht von weiß bis fast schwarz. Tierbestände in der freien Wildbahn und Gehegen haben zu 80 % bis 90 % eine hell- bis dunkelbraune Färbung mit einer weißen Fleckung, die sich von den Keulen über den Ricken und an den Seiten des Rumpfes entlang bis zum Trägeransatz hinzieht. Auf dem Rücken zieht sich vom Trägeransatz bis zur Wedelspitze ein dunkler Aalstrich entlang.

Die Damhirsche erreichen bei einer Widerristhöhe von 90 bis 100 cm Lebensgewichte von 80 bis 90 kg und die Damtiere bei 75 bis 85 cm, 40 – 50 kg. In Gehegen können die Tiere abhängig von der Jahreszeit und Fütterung höhere Gewichte erreichen.

 

Das mesopotamische Damwild wiegt durchschnittlich 10 – 15 kg mehr als das Europäische

Damwild. Kreuzungen zwischen den beiden Arten sind mehrfach bekannt und werden gezielt zur Verbesserung des Lebendgewichtes durchgeführt.

 

Geweihbildung

Bei der Geweihbildung unterscheidet man 2 Phasen:

Bildung der Rosenstöcke, die zeitlebens erhalten bleiben und die Geweihentwicklung die 4-41/2 Monate dauert.

Der Beginn des Rosenstockwachstums kann durch soziale und physiologische Bedingungen stark beeinflusst werden. Die Geweihentwicklung unterliegt einer photoperiodischen Kontrolle und findet bei einer Stagnation des Hodenwachstums, bei sinkenden Testosteronwerten und Kreatiningehalte im Blutserum statt.

Ältere Damhirsche verlieren das Geweih bis Ende April/Anfang Mai und die Spießer von Ende Mai bis Ende Juni. Das neue Geweih fängt an sofort zu wachsen und wird zwischen Ende August und Anfang September gefragt.

 

Gewichtsentwicklung

Die Gewichtsentwicklung beim Damwild ist immer von der Futtergrundlage abhängig. Klimaverhältnisse, Biotop und andere Umweltfaktoren tragen zu Entwicklung der Körpermaße und Gewichte bei. Tiere in der freien Wildbahn haben aufgrund der größeren Selektionsmöglichkeiten bei der Futteraufnahme jedoch zumeist höhere Gewichte als Gehegewild.

 

Damwildkälber wiegen bei der Geburt 4-5 kg. In den ersten 6 Wochen nach der Geburt verdoppelt sich das Gewicht und bis zum Spätherbst bzw. Winteranfang erreichen die weiblichen Kälber 24-26 kg und die männlichen Kälber 28-30kg. Zum Zeitpunkt der Schlachtung im Alter von 16-18 Monaten liegen die Lebensgewichte bei 48-50 kg (weiblich) und 56-60 kg (männlich).

Ausgewachsene Tiere erreichen in der Feistzeit bis 50-58 kg und die Hirsche 100-120 kg. In freier Wildbahn werden Gewichte für aufgebrochene Hirsche von 130 kg gemeldet.

 

 

Sinnesleistungen und Verhalten

Damwild äugt sehr scharf besser als Rot- und Sikawild. Stehende Personen oder potenzieller Gefahr wird auf eine Entfernung von 700 m leicht wahrgenommen. Aufgrund der Position der Augen liegt der Sehwinkel bis ca. 52 Grad. Das Sehvermögen ist in der Dämmerung und bei Nacht mit dem des Menschen gleichzusetzen.

Der Geruchssinn ist beim Damwild, wie bei allen anderen Cervidaen, sehr gut ausgeprägt, aber beim Geruchsorgan ist der Damwild dem Rotwild jedoch unterlegen. Damwild ist in der Lage, den Menschen oder Prädatoren, auf 200 m zu riechen, aber die Geruchsmeldungen des Feindes haben einen geringen Wert.

In der Regel versucht das Damwild, das durch eine Geruchsinformation in Erregung versetzt wurde, den Feind mit Hilfe der Augen und des Gehörs zu erfassen. Wenn dies nicht möglich ist, beruhigt sich das Damwild.

Das Hören von Geräuschen ist beim Damwild ausgezeichnet und ruft ein Sichern hervor. Von Wild selbst verursachte Geräusche können Unruhen hervorrufen, aber Geräusche allgemein veranlassen erst spät ein Flutverhalten. Generell gesehen ziehen die Tiere auf die akustische Reise zu, aber in Kombination mit optischen und olfaktorischen Wahrnehmungen wird ein Fluchtverhalten rasch ausgelöst.

In wie weit der Geschmacksinn beim Damwild ausgeprägt ist, lässt sich nicht genau sagen. Wahrscheinlich ist der Geschmackssinn nur mäßig entwickelt, da Damwild beim Ästen nicht sonderlich wählerisch ist. Das Damwild hat eine Vorliebe für bestimmte Kräuter und Früchte, aber er ernährt sich grundsätzlich von Gräsern und Bäumen. Je nach Verbreitungsgebiert und Biotop ist das Äsungsverhalten sehr verschieden.

 

Lautäußerung

Bei den Lautäußerungen des Damwildes unterscheidet man zwischen Blöken, Fiepen (Piepen), Miauen, Klagen, Schrecken und den Brunftruf (Schnarchen, Rülpsen).

Durch Blöken rufen die Muttertiere die Kälber zum Saugen herbei oder suchen sie bei Standortverlagerung. Muttertiere können ihren Nachwuchs anhand der Stimme identifizieren. Durch Fiepen oder Piepen antworten die Kälber oder suchen bei Erregung umgehend den Kontakt zur Mutter. Das „Miauen“ ist eine spezifische Lautäußerung des Damwildes und dient bei beiden Geschlechtern und allen Altersstufen zur Kommunikation im Rudel.

Das Klagen hört man grundsätzliche bei Kälbern und Jungtieren in Not, bei Schmerzen oder zum Teil als Todesschrei.

Das „Schrecken“ ist ein kurzes Bellen, das von beiden Geschlechtern ausgestoßen wird, wenn eine Gefahr vermutet wird. Wird die Gefahr erkannt, wird das Bellen sofort eingestellt.

Der Brunftruf des Damhirsches ist als rülpsend uns schnarchend zu bezeichnen und wird in rascher Folge ausgestoßen. Es dient zum Anlocken der brunftigen Tiere.

 

Bewegungsabläufe

Körperhaltung und Art der Bewegung sind von der Stimmung des Damwildes abhängig. Die entspannte Körperhaltung im Schritt ist die normale Art der Fortbewegung. Geraten die Tiere in Alarmbereitschaft, ist der Körper gestraft, Kopf, Hals und Ohren hoch gehoben und die Vorderläufe dicht nebeneinander gestellt. Bei leichter Erregung bewegt sich das Damwild im Trab. Mit erhobene Wedel und vorgestreckten Läufen bewegen sich die Tiere in einen steifen gleichmäßigen Rhythmus. Nimmt die Erregung zu, sind die für Damwild typischen Prellsprünge mit erhobenen Wedel und Ohren und zusammengestellten vorderen und hinteren Läufen zu beobachten. Mit Sprüngen von 2-3 m dienen die Prellsprünge sowohl der Information des Einzeltieres als auch der Informationsübertragung auf die verbleibenden Rudelmitglieder. Am schnellsten bewegen sich die Damtiere im Galopp mit langen Sprüngen und eine Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h.

 

Bei Damwild ist der Spieltrieb vor allem bei Kälbern und Jungtiere sehr ausgeprägt. Zum Spiel gehören spielerische Kämpfe sowie Galoppieren, Springen und Verfolgungsjagden. Solche Spiele sind gelegentlich auch bei Alttieren und Hirschen zu beobachten. Unter Hirschen kommt es außerhalb der Brunftzeit zu spielerischen Kraftkämpfen, die mit der Bildung einer Rangfolge in Verbindung stehen.

 

Soziale Organisation

Damwild ist ein Herden- oder Rudeltier, welches dichte Wälder und offene Landschaften bevorzugt. Als äugige Tiere präferiert Damwild parkähnliche Lebensräume, aber aufgrund seiner hohen Flexibilität ist dichter Wald als Lebensraum für Damwild ebenfalls geeignet.

Im Sozialverhalten neigt das Damwild während des ganzen Jahres zu Gruppenbildung. Die Rudel sind grundsätzlich standorttreu, jedoch führt starke Beunruhigung dazu, dass Rudel ihr Einstandsgebiet verlassen. Die Größe der einzelnen Rudel ist vom Lebensraum abhängig. In Regionen mit einem hohen Anteil an Freiflächen oder sogar offene Landschaften sind die Gruppen in der Regel größer als in den reinen Waldgebieten. Besonders im Winter können Rudel von bis zu 200 Tieren gesehen werden.

 

Weibchenrudel (Kahlwildrudel)

Die sogenannte Kahlwildrudel setzen sich in der Regel aus mehreren Mutterfamilien zusammen, die jeweils aus einem Alttier, einem Kalb und einen Jährling bestehen. Kurz vor dem Setzen sondern sich die Alttiere von dem Rudel ab und bilden anschließend Kahlwildrudel, die nur aus Alttieren und ihren Kälbern bestehen. Später schließen sich die Schmaltiere dem Rudel an. Die Bindung des Alttieres an sein Kalb ist stark ausgebildet. Der Zeitpunkt, ab dem beim Kahlwild die Mutterbindung endet, ist nicht eindeutig. Sie endet wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, zu dem es selbst erstmals ein Kalb setzt. Bei Spießer hingegen endet die Mutterbildung meistens während des zweiten Lebensjahres. Die weiblichen Nachkommen verbleiben sogar im Rudel der Mutter oder in dem nahen Einstandsrevier.

Kahlwildrudel werden immer von einem Leittier angeführt. Leittierrollen werden nur ausschließlich von Alttieren wahrgenommen, die Kälber führen. Wird dem Alttier das Kalb genommen, fällt das Tier in der Rudelhierarchie weit zurück. Verlieren Kälber ihr Muttertier, können sie im Rudel verbleiben und werden von anderen Muttertieren gesäugt. Die Zusammensetzung eines Kahlwildrudels ist verhältnismäßig stabil, wobei die Sommerrudel kleiner sind als Winterrudel. Hieraus leitet sich für den Gehegewildhalter die Möglichkeit des Zukaufs neuer Tiere und deren Integration in die vorhandene Herde ab.

Während der Brunft werden die Kälber beim Damwild von den Alttieren abgeschlagen. Die Kälber bilden für die Brunftzeit Kälberrudel, die nach der Brunft aufgelöst werden.

 

Hirschrudel

Hirschrudel sind in ihrer Zusammensetzung instabiler und nicht so gut organisiert wie Kahlwildrudel. Die Verwandtschaft im Rudel ist geringer und meist schließen sich Hirsche ähnlicher Altersstufe zusammen. So bilden junge Hirsche, Hirsche mittleren Alters und Althirsche jeweils ein Rudel.

Da die Althirsche eine 8-wöchige Kolbenzeit als Junghirsche haben und damit über einen langen Zeitraum den Attacken der Junghirsche ausgesetzt wären, schließen sie sich oftmals zu kleinen Gruppe von 2-4 Tieren zusammen. Sie vermeiden damit die Belästigung durch junge Hirsche und sind so in ihrem Tagesrhythmus während der Kolbenzeit wenig gestört, bilden bessere Trophäen aus und können im Sommer mehr Feist ansetzten, um die Brunftkämpfe und die Brunft gut zu überstehen. Diesem Verhalten muss auch im Gehege Rechnung getragen werden. Älteren Hirschen müssen Rückzugs- und Absonderungsmöglichkeiten von jungen Hirschen und weiblichen Wild im Jahresverlauf zur Verfügung  stehen.

Brunftkämpfe werden grundsätzlich nur unter annähernd gleich starken Hirschen ausgetragen. Der rudelstärkste Hirsch ist der Leithirsch. Die soziale Rangordnung kann sich aber innerhalb eines Jahres mehrmals ändern. Sie wird im Hirschrudel durch Droh- und Imponierduelle sowie in kämpferischen Auseinandersetzungen ermittelt. Der Geweihabwurf, der bei den älteren Hirschen zuerst einsetzt, geht normalerweise mit einem Rangverlust für diese unter. Wenn auch die jüngeren Hirsche ihre Geweihe verloren haben, kommt es erneut zu Rangordnungskämpfen, die diesmal mit den Vorderläufen ausgekämpft werden. Während der Kolbenzeit werden keine Kämpfe aufgetragen, aber während der Fegezeit finden erneut kämpferische Auseinandersetzungen statt, bei denen diesmal die Geweihe eingesetzt werden. Mit Beginn der Brunft wandern in der Regel die Hirsche, die älter als fünf Jahre und damit fortpflanzungsfähig sind, zu den Brunftplätzen ab und hier wird in Rangkämpfen der Platzhirsch ermittelt. Mit dem Winterbeginn bilden sich erneut größere Hirschrudel, in denen auch die Brunfthirsche versammelt sind.

 

Fortpflanzung

Die Geschlechtsreife tritt beim Damwild im Alter von 14-17 Monaten ein. Spießer und Schmaltiere sind dann paarungsbereit und nehmen an der Brunft teil. Spießer können zwar erfolgreich decken, jedoch wird dies in der freien Wildbahn durch die Stärke der Althirsche verhindert.

Auch für die Gehegewildhaltung sollten für die Zucht Althirsche eingesetzt werden. Das Zuchtoptimum erreichen die Damhirsche im Alter von 4-9 Jahren. Die Befruchtungsrate liegt in der freien Wildbahn bei ca. 80%, die Aufzuchtrate bei 70%. Im Gehege werden Befruchtungsraten von bis zu 96% erzielt. Die Aufzuchtrate ist abhängig von der Witterung und liegt in der Setzzeit durchschnittlich bei 85-86%.

Die Hauptbrunft beim Damwild beschränkt sich auf die Zeit von Anfang Oktober bis November. Nicht alle Hirsche befinden sich zur selben Zeit in gleichem Stadium der Brunft. Je nach Biotop und Kondition können Damhirsche von September bis März Muttertiere befruchten.

Die Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale ist bei allen Hirscharten zyklisch (jährlich) und photoperiodisch. Die Vergrößerung der Hoden und Drüsen, die Drüsenaktivität und die Spermienbildung, welche eine bedeutende Rolle für die Geweihbildung hat, beginnen schon im Sommer und erreichen ihren Höhepunkt während der Brunft im Herbst. Während der Brunft entwickeln sich beim Damhirsch sekundäre Geschlechtsmerkmale, wie Stimme, strenger Brunftgeruch, Zuwachs der Trägermuskulatur und des Trägerumfanges sowie die Dehnung und Verfärbung am Ende der Penishaut. Mit der vollständigen Ausreifung des Geweihes erreichen die männlichen Geschlechtshormone ihren höchsten Stand und die Hirsche sind paarungsreif. Dieser Zustand hält solange an wie das Geweih getragen wird und sinkt kontinuierlich bis Ende April.

In der Hauptbrunft markieren die Hirsche ihre Brunftgebiete. Sie heben mit den Klauen und dem Geweih Löcher in den Boden (Brunftkuhlen), die mit scharf riechendem Urin befeuchtet werden. Die befeuchtete Erde dient der Einstandsmarkierung durch Fegen und Schlagen von Büschen und Bäumen. Brunftkämpfe werden nur unter annähernd gleich starken Hirschen ausgetragen, aber dann oftmals äußerst heftig. Es kann auch zu Forkelverlusten bei Hirschen, Kälbern und noch nicht paarungsbereiten Tieren kommen.

Beim Damhirsch ist der Brunftruf ein Schnarchen oder Rülpsen. Meist zieht der Hirsch beim Rufen ruhelos umher und der Brunftlaut dauert etwa 1 Sekunde. Auch nach einem erfolgreichen Kampf mit einem Gegner werden manchmal Brunftrufe ausgestoßen.

 

Die Präsenz und das Brunftverhalten der Hirsche löst auch die Brunft des Kahlwildes aus. Weibliche Tiere sind polyoestrisch mit einer Zykluslänge von 24-26 Tagen. Die Fortpflanzungsfähigkeit dauert bei den Damtieren bis Ende Februar. Im Gegensatz zu Rottieren können spätgebärende Damtiere ihre Kälber erfolgreich aufziehen. Die Schmaltiere werden erst spät in der Brunft paarungsbereit und nicht alle Schmaltiere werden mit Beginn der Geschlechtsreife begattet.

Der Hirsch ist darum bemüht, dass die Weibchenrudel zusammenzuhalten. Sich entfernende Tiere werden zum Rudel zurückgetrieben. Die Tiere geben mit ihrem Urin Sexuallockstoffe ab (Pheromone), die dem Hirsch, der die Tiere ständig auf deren Gerüche hin kontrolliert, den richtigen Zeitpunkt für die Paarung signalisiert. Der Hirsch registriert die Paarungsbereitschaft durch Riechen und Belecken des Hinterteils der Tiere. Zum richtigen Zeitpunkt kommt es zum Beschlag, der nur kurz ist und bei dem das Tier nicht ausweicht. Bei einem ausreichenden Anteil älterer Hirsche in der Population und einer gleichmäßigen Verteilung der Weiblichen auf verschiedene Rudel, verläuft die Paarungszeit ohne größere Turbulenzen in relativ kurzer Zeit ab. Entfallen nicht zu viele Tiere auf einen Hirsch, dann werden alle Tiere bereits bei ihren ersten Eisprung begattet. Dies hat verschiedene Vorteile: die Brunft geht schnell zu Ende, die Hirsche verschwenden vor dem Winter nicht zu  viel ihrer wertvollen Energie und die Kälber werde in kommenden Jahr zeitig und kompakt geboren.

 

Trächtigkeit und Geburt

Die Tragezeit erstreckt sich bei dem Damwild über 30-31 Wochen. Die meisten Geburten (ca. 95%) entfallen beim Damwild in der Zeit von Juni bis Juli. Grundsätzlich bringen die Tiere ein Kalb mit einem Geburtsgewicht von 4-5 kg zur Welt. Einige Tage vor dem Setzen sondern sich die hochtragenden Tiere vom Rudel ab und suchen sich ruhige Plätze, die eine gute optische und geruchliche Orientierung ermöglichen. Störungsfreie Plätze die Deckung bieten, sind in der Setzzeit sehr begehrt. Aus diesem Grund soll der Aufwuchs in der Mähweidekoppel eine Mindesthöhe von 30 bis 40 cm haben. Einzelne aus Brennnesseln und Disteln gebildete Horste sind erwünscht, da sie sowohl den setzenden Tieren als auch den neugeborenen Kälbern Deckung bieten. Frisch gesetzte Kälber wiegen 4 – 5 kg und versuchen bereits ziemlich schnell nach dem Reißen der Nabelschnur und dem Trockenlecken durch die Mutter aufzustehen. Oft leistet die Mutter durch kleine Stöße Hilfestellung dabei. Etwa eine Stunde nach dem Setzen werden die Kälber zu einem Abliegeplatz geführt, während die Mütter zum Rudel zurückkehren. Am Anfang bleiben die Kälber 24 Stunden in ihrem Versteck und werden regelmäßig von den Müttern gesäugt. Fehlt im Gehege Sichtschutz, besteht die Gefahr, dass bei Störungen Kälber durch das Außenzaungeflecht schlüpfen, um außerhalb des Geheges nach einer geeigneten Deckung zu suchen. Die Gefahr des Verlustes von Kälbern ist dabei groß. Im Alter von ca. 4 Wochen folgt das Kalb der Mutter bei der Nahrungssuche und bleibt mit ihr im Rudel. Hier lernt es gleichaltrige Artgenossen kennen, mit denen es ausgiebig herumtollt. Die Muttertiere halten mit ihren Kälbern durch verschiedene Laute ständig Kontakt. Sehr oft werden im Rudel, „Kälbergärten“ gebildet, in denen nur wenige Mütter alle Jungtiere des Rudels bewachen, während die übrigen Mütter fressen können.

Obwohl bis in den Winter hinein gesäugt wird, wird das ältere Kalb langsam entwöhnt. Schon im Alter von 2 Wochen fangen die Kälber an, einige Grashalme zu reißen, jedoch können sie erst mit ca. 4 Wochen richtig Gras fressen und auch verdauen.

 

Bis zum Beginn des Winters sollten männliche Kälber im Durchschnitt ein Gewicht von 30 kg, die weiblichen von 25 kg erreichen. Da in der Zeit von Dezember bis März ihr Wachstum u. a. durch die Senkung der Außentemperatur, die verkürzte Tagesdauer und Reduzierung des Futterangebotes auf der Weide bedingt wird, ist es zur Vermeidung von Verlusten notwendig, die Tiere vor Wintereinbruch in eine konditionell gute Verfassung zu bringen. Kälberverluste im ersten Lebensjahr von 10 – 15 % sind keine Seltenheit, so dass die mittlere Aufzuchtrate durchschnittlich 85 – 86 % beträgt.

 

Fressverhalten

Damwild ist unter den Wildwiederkäuern ein sogenannter Intermediärtyp mit Tendenz zum Grasfresser. Wenn sie die Möglichkeit haben, fressen sie Kräuter und schmackhafte Gräser. Sonst ernähren sie sich von Gras und Laub und werden vor allem von Eichen, Bucheckern und Kastanien angelockt. In der freien Wildbahn suchen sich die Tiere ihre Nahrung auf offenen Flächen oder im Wald. Ist das Wild mit der Umgebung vertraut, ernährt es sich auch tagsüber auf offenen Flächen. Ist es scheu, verlässt es den Wald nur nachts und verursacht eine erhöhte Belastung für die Waldvegetation.

Im Gehege muss der Gehegeinhaber dafür sorgen, dass die Fütterung der Tiere unter Berücksichtigung des Bedarfs und der physiologischen Veränderungen im Laufe des Jahres gestaltet wird. Bei einem Pansenvolumen von 18 l nehmen die Tiere je nach Qualität des Futter, physiologischen Veränderungen (Trächtigkeit, Haarwechsel, Geweihwachstum, Saugen des Kalbes) und Außentemperatur zwischen 8 kg und 25 kg Grünfutter auf. Damwild verbringt mit Äsen insgesamt 7-10 Stunden pro Tag und folglich 5-6 Stunden mit Wiederkauen. Für eine artgerechte Wiederkautätigkeit müssen die Tiere etwa 0,45 kg Rohfaser je 100 kg Körpergewicht aufnehmen. Die Partikellänge nach dem Wiederkauen beträgt 4-5 mm und ist damit wesentlich kleiner als beim Rind (8mm). Damwild muss eine ausreichende Wassermenge zur Verfügung stehen. Je nach Trockensubstanzgehalt des Futters benötigt das Damwild bis zu 2,5 l Wasser pro 100kg Körpergewicht und Tag.

 

Züchtung

Die Zucht des Damwildes im Gehege erfolgt unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte. Jeder Züchter ist bestrebt, in seiner Herde nach den Parametern zu züchten, die zu einer Verbesserung der Rentabilität beitragen.

Allgemein kommen für die Zucht von Gehegewild folgende Kriterien in Frage:

- Körperliche Entwicklung hinsichtlich Größe und Gewicht

- Futterverwertung

- Fruchtbarkeit und Aufzuchtleistung

- Zusammensetzung der Schlachtkörper (Fett – Fleisch – Verhältnis).

Die Zwillingsgebürtigkeit beim Damwild ist sehr gering. Eine Zucht auf Zwillinge ist, wie die Erfahrungen gezeigt haben, wenig erfolgversprechend und wegen der bekannten Folgen (Nachgeburtsverhalten, geringe Geburtsgewichte, hohe Kälbersterblichkeit, Verzögerung der Konzeption) auch nicht empfehlenswert. Es gibt Züchter, die auch die Farbe der Decken in ihrem Zuchtprogramm aufgenommen haben. Von den vielen Farbvarianten werden die hellgefleckten Decken bevorzugt, da sie gegerbt besser als dunklen Decken verkauft werden können.

 

Bei den weiblichen Tieren entscheidet für die Zuchtwahl in erster Linie die Eigenleistung, bei den männlichen Tieren die Eigenleistung und die Leistung der Nachkommen.

Eine systematische Zucht erfordert die Kennzeichnung aller Tiere (Ohrmarken und Halsbänder), die Erfassung der väterlichen und mütterlichen Abstammung (Herdbuchführung) und die Anlage von Koppeln, in denen die züchterisch besten Tiere eines Geheges mit ausgewählten Hirschen gepaart werden.

Die Schlachtung bezieht sich vor allem auf Tiere mit unerwünschten Merkmalen, die von der Zucht ausgeschlossen werden sollen.